Die Neuausrichtung nach der politischen und ökonomischen Wende

Blog Post Datum: Dienstag, 10. August 2021

Sommer 2021. Die Welt und mit ihr Deutschland durchlebt das zweite Jahr der Corona-Krise, und IDT Biologika steht als Partner zur Bekämpfung der globalen Pandemie im Fokus der Öffentlichkeit. Führende Medien berichten von der „Corona-Hoffnung aus dem Osten“ (FAZ), dem „Hidden Champion aus Sachsen-Anhalt“ (Business Insider) und dem „Global Player aus Sachsen-Anhalt“ (tagesschau.de).

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Besuch bei der IDT Biologika im November 2020.

Dass plötzlich Bundespolitik, Journalisten und damit auch eine breite Öffentlichkeit auf die Firma schauen, hat einen guten Grund: Der Spezialist für anspruchsvolle Vektorimpfstoffe verfügt über das Know-how, die Technik und die Kapazitäten, COVID-19-Impfstoffe herzustellen und abzufüllen - und zwar im großen Maßstab. So gaben sich bei dem Unternehmen am Rande von Dessau, das vorher nur Insidern der Pharmabranche bekannt war, plötzlich Vertreter von Bundesministerien und internationaler Presse die Klinke in die Hand.

Überlebenskampf in der Nachwendezeit

Die damit verbundene Anerkennung ist der Höhepunkt einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Dass das Unternehmen, dessen Vorläufer vor 100 Jahren im Herzen von Dessau mit gerade einmal drei Mitarbeitern gegründet wurde, die Wiedervereinigung überstehen würde, war nämlich keineswegs ausgemacht.

Das Impfstoffwerk Dessau-Tornau, das aus dem „Bakteriologischen Institut der Anhaltischen Kreise“ hervorgegangen war und jahrzehntelang Impfstoffe und Medikamente für Mensch und Tier entwickelt und produziert hatte, zählte durchaus zu jenen Betrieben in der DDR, deren Substanz recht stabil war. Weil es einen großen Teil der Impfstoffe für die riesigen Nutztierbestände im Osten lieferte, war kräftig investiert worden.

Ausbau des Werksgeländes in den 1980er Jahren.

Allerdings stellten die neuen Marktbedingungen nach der politischen Wende, einschließlich neuer Zulassungsverfahren für die bestehenden Produkte, das Unternehmen vor große Herausforderungen. Dass man die wechselhaften Entwicklungen unter der Ägide der Treuhandanstalt dennoch erfolgreich überstand, war insbesondere dem damaligen Geschäftsführer, Herrn Dr. Heinz Hofmann, zu verdanken.

Erfolgreich in die Marktwirtschaft

Dieser hatte zum Beispiel mit beachtlichem politischem Gespür zu einem frühen Zeitpunkt bekannte Persönlichkeiten aus den alten Bundesländern – Herrn Prof. Heinz Rowedder, Rechtsanwalt in Mannheim (Aufsichtsratsvorsitzender), Herrn Prof. Dr. Ernst Biekert, ehem. Vorsitzender des Vorstandes der Knoll AG in Ludwigshafen und Mitglied des Wissenschaftsrates der BRD, Herrn Gerd Schmitz-Morkramer, Geschäftsinhaber des Bankhauses Grunelius KG Privatbankierts Frankfurt/Main sowie Herrn Prof. Dr. Armin Rojahn, ehem. Leiter des Veterinärwesens im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der BRD - in den Aufsichtsrat berufen. Von der damaligen Belegschaft wurden außerdem die Mitarbeiter Horst Kaßner und Jens Bernert als gewählte Vertreter für den Aufsichtsrat bestimmt. Schlussendlich gelang es ihm, die von der Treuhand ursprünglich als „nicht sanierungsfähig“ eingestufte Firma an die Klocke-Gruppe zu verkaufen und damit die erfolgreiche Weiterentwicklung bis zum heutigen Tage zu begründen.


Der neue Eigentümer vertraute von Beginn an der Belegschaft unter Führung von Dr. Heinz Hofmann und Dr. Baldur Werner als Geschäftsführer, Dr. Andreas Neubert als Produktionsleiter und Dr. Gert Barysch als Vertriebs- und Marketingleiter. Die Entwicklung der Firma gab ihm Recht: Die Mannschaft hat das Unternehmen damals erfolgreich aus der Plan- in die Marktwirtschaft geführt.

Um den Zuschlag der Treuhand für das Impfstoffwerk Dessau Tornau zu erhalten, musste Hartmut Klocke 25 Millionen D-Mark an Investitionen und den Erhalt von 230 Arbeitsplätzen zusichern. Beide Zusagen wurden seitdem nicht nur eingehalten, sondern um ein Mehrfaches übertroffen. Heute beschäftigt die IDT Biologika weltweit rund 1.600 Mitarbeiter, und allein die aktuelle Investition in eine neue Impfstoffproduktion und -abfüllung beläuft sich auf mehr als 100 Millionen Euro.

Grundsteinlegung des neuen Impfstoffwerks
v.l.n.r.: Gesellschafter Hartmut Klocke, Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Klaus Schucht und Geschäftsführer Dr. Hofmann

Gesellschafter Hartmut Klocke beim Baubeginn der neuen Impfstoffproduktion 1995

Symbolischer erster Baggeraushub

Symbolischer erster Baggeraushub

Grundsteinlegung des neuen Impfstoffwerks 1995

Tollwutimpfstoffe Fuchsoral von der Klocke-Gruppe und Rabifox von der IDT

Fokus auf Innovationen, Investitionen und Wachstum

Ein Erfolgsfaktor war die konsequente Fokussierung auf innovative Produkte und Prozesse. Während sich die bewährten Tollwutimpfstoffe zunächst als Stabilitätsanker und Umsatzbringer erwiesen, wurden parallel neue Vakzinen entwickelt, beispielsweise gegen Salmonellen, um das Portfolio zu stärken. Parallel dazu trieb das Management den gesamtdeutschen Vertrieb und die Zulassung neuer Arzneimittel voran. 1998 hatte die Firma bereits 35 Zulassungsverfahren erfolgreich abschließen können.


1997 wurde eine neue Impfstoffproduktion eingeweiht – die erste Großinvestition in Höhe von über 51 Millionen D-Mark. Zu diesem Zeitpunkt war der Umsatz bereits von zunächst knapp 30 Millionen D-Mark auf über 40 Millionen D-Mark angewachsen und man produzierte neben Vakzinen zum Beispiel auch Wirkstoffe für Krebstherapien. Weitere Investitionen folgten, zum Beispiel in die Gebäudesanierung und die Installation einer Anlage zur Gefriertrocknung.

Geschärfte Strategie

Strategisch stellte das Management um Dr. Hofmann das Unternehmen auf zwei Beine: Neben der traditionellen Entwicklung und Herstellung eigener Impfstoffe für Tiere gewann die Auftragsentwicklung und -fertigung von humanen Impfstoffen zunehmend an Bedeutung. Ergänzend dazu betrieb man eine konsequente Internationalisierung insbesondere mit Blick auf die USA. So wurden beispielsweise sämtliche Prozesse zusätzlich den dort gültigen Anforderungen angepasst.


Sichtbares Ergebnis war ein regelrechter Umsatzsprung von gut 20 Prozent im Jahr 2001 auf etwa 54 Millionen Euro. Mit den Erlösen stieg auch die Mitarbeiterzahl von unter 200 im Jahr der Privatisierung auf 558 in 2007. In diesem Erfolgsjahr machte das Impfstoffwerk Dessau-Tornau die globale Ausrichtung auch nach außen deutlich und benannte sich in IDT Biologika GmbH um.

2009, mit nunmehr über 770 Mitarbeitern, wurde mehr als ein Viertel des Umsatzes im Ausland erwirtschaftet. Am Rande von Dessau war ein Global Player entstanden, der zugleich ein Hidden Champion blieb – ein zuverlässiger Partner der Branche und wichtiger Arbeitgeber vor Ort, den auch die sachsen-anhaltische Landesregierung unterstützte. 2013 erwarb IDT Biologika einen Teil der Riemser Pharma GmbH und knüpfte damit indirekt an die eigene Geschichte an. Schließlich hatte auf der Ostseeinsel Riems Prof. Hubert Möhlmann, der spätere Direktor des VEB Serumwerks Dessau, seine wissenschaftliche Karriere begonnen und die Einrichtung auf Riems war bis kurz nach der Wende ein Teil des zu DDR-Zeiten bestehenden Kombinats für Veterinärimpfstoffe Dessau-Tornau.

Der Biopharmapark aus der Luft. 1997 und 2020

In den folgenden Jahren expandierte das Unternehmen immer weiter. Im Jahr 2015 übernahm die IDT den Bereich der Auftragsfertigung der Firma Aeras TB mit Sitz in Rockville, Maryland, USA. Aeras TB war ein wichtiger Auftragnehmer der Bill & Melinda Gates-Stiftung und konzentrierte sich auf Produkte der klinischen Phasen 1 und 2. Der Erwerb stellte einerseits eine sinnvolle Erweiterung der Impfstoffkapazitäten dar. Andererseits ist die IDT nun in einem für die weltweite Gesundheit führenden Land mit einer Niederlassung vertreten. Ende 2018 übernahm Herr Dr. Jürgen Betzing die Leitung des Geschäftsbereiches der Auftragsfertigung.

Allerdings nahm mit der immer globaleren Ausrichtung und dem intensiven Ausbau der zwei Geschäftsbereiche der Auftragsfertigung und der Tiergesundheitssparte auch die Komplexität zu. Zudem hatte sich das Geschäft mit der Auftragsentwicklung und -fertigung im Humanbereich so dynamisch entwickelt, dass es im Jahr 2018 bereits über zwei Drittel des Umsatzes beisteuerte.

Vor diesem Hintergrund entschieden Eigentümer und Management, dass sich IDT künftig vollständig auf biotechnologisch hergestellte Impfstoffe und Pharmazeutika für die Humanmedizin konzentrieren solle, um sich in diesem Wachstumsmarkt eine weltweit führende Position zu erarbeiten. Das tiermedizinisch pharmazeutische Portfolio und die dazugehörigen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten gab man im Juli 2019 an den französischen Veterinärspezialisten CEVA Santé Animale ab. Im Rahmen dieser Veränderungen übernahm Dr. Jürgen Betzing die Leitung des Gesamtunternehmens als CEO, die er seitdem inne hat.

Wie richtig die strategische Neuorientierung war, hat sich nicht zuletzt in der Corona-Pandemie gezeigt: Führende globale Pharmahersteller betrachten IDT Biologika heute als Partner der Wahl, der auch unter schwierigen Bedingungen flexible und gleichzeitig zuverlässige Lösungen anbietet.

Gut gerüstet in die Zukunft

Grundlagen für diese starke Reputation sind die hervorragend ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einerseits und die technologischen Fähigkeiten des Unternehmens andererseits. Gestützt auf dieses Kapital, ergänzt durch weitere Investitionen und gefördert durch eine langfristige Strategie des Eigentümers Klocke blickt die IDT Biologika zuversichtlich in die Zukunft.